Zusammenfassung:

In diesem Beitrag geht es um die homöopathische Arznei Cannabis. Hahnemann hat den gewöhnlichen Hanf als homöopathische Arznei eingeführt. Viele Jahre später kam das Cannabis indica als homöopathisches Mittel hinzu. Die heutige Gesetzeslage macht es fast unmöglich, Cannabis indica zu verordnen da diese Arzneipflanze unter die Bestimmungen des Betäubungsmittelgesetzes fällt. Dieser Artikel zeigt die Gemeinsamkeiten der beiden Cannabis Arzneien auf und beschreibt, dass das Cannabis sativa ein nahezu vergessenes Medikament geworden ist.

Der Hanf gehört zu den ältesten Kulturpflanzen und wird in zahlreichen Kulturformen in weiten Teilen der Erde angebaut. Heimisch ist der Hanf in Vorderasien und Indien, er wird dort zur Fasergewinnung angebaut oder ist in Wildform anzutreffen. Der Hanf gehört zur Familie der Moraceae, die Stammpflanze ist Cannabis sativa L. . Cannabis sativa L. ist ein 1jähriges, faserreiches, milchsaftfreies Kraut und hat eine spindelförmige Wurzel. Der aufrechte Stengel wird bis zu drei Metern hoch und ist verzweigt und rauhaarig. Die Blätter sind gegenständig, gestielt, rauhaarig und grobgesägt. Der Hanf ist zweihäusig. Die weiblichen Pflanzen sind größer als die männlichen. Unterschieden werden muss Cannabis sativa L. von Cannabis sativa variation indica L. (künftig als Cannabis indica abgekürzt). Diese Pflanze gehört ebenso zu den Moraceae. Sie unterscheidet sich durch einen kurzen, gedrungenen Wuchs und durch einen hohen Gehalt an gelb-grünen Harz. Die Droge wird aus Indien eingeführt, kann aber auch von europäischen Kulturen gewonnen werden. Cannabis indica ist in Europa und insgesamt in der westlichen Welt als Rauschmittel bekannt geworden. Cannabis indica wird bereits seit 2000 Jahren als Rauschpflanze eingesetzt. In früheren Zeiten wurde die Rauschwirkung allerdings in kulturelle und religiöse Handlungen einbezogen, sodass ein kontrollierter Konsum stattgefunden hat. (1)

Inhaltsstoffe:

Aus dem gewöhnlichen Hanf (Cannabis sativa) lässt sich ein Öl gewinnen. Dieses Öl enthält Eiweiß, mit Edestin und Vitamin K. Im fetten Öl der Früchte werden Hanföl, Linolsäure und das Alkaloid Trigonellin gefunden. In seltenen Fällen wird der Inhaltsstoff Tetrahydro-Cannabinol gefunden der der Hauptwirkstoff des Cannabis indica darstellt. Trotz dieser seltenen und geringen Mengen an Tetrahydro-Cannabinol (THC) können unter der Einnahme von Cannabis sativa L. ebenso die psychischen Symptome auftreten wie bei Cannabis indica. Die Hanfsamen können Kopfschmerzen erzeugen und haben aphrodisierende Wirkungen. Der gewöhnliche Hanf hat seine Hauptwirkung auf den Urogenital-Trakt. Hier wird vor allem der Bezug zur Blase und zur Harnröhre gezeigt.

Die Inhaltsstoffe des Cannabis indica sind Cannabinol, Cannabidiol, verschiedene Tetrahydrocannabinole und ätherische Öle und Harze. Cannabis indica wirkt auf das ZNS ganz ähnlich wie Opium und Morphin. (2)

Die Droge ruft einen Zustand von Euphorie hervor, eines fröhlichen Berauschtseins mit Empfindung der Leichtigkeit der Muskeln. In einer zweiten Phase kommt es zu Symptomen wie mangelnder Koordination und Verwirrtheit und einer Verminderung des Willens, der Kritik, der die eigenen Handlungen kontrollierenden Fähigkeiten. Der Mensch hat dann die Neigung sich gehen zu lassen sich fallen zu lassen in seinen Rausch. Gefolgt wird die Phase zwei von einer Phase in der der Patient alle unangenehmen Gedanken verliert. Er tritt in eine Phase der Glückseligkeit ein. Der Geist ist voller herrlicher Träume.

Einsatz in der Homöopathie:

Cannabis sativa L. wurde von Samuel Hahnemann in der Reinen Arzneimittellehre, Band 1 eingeführt.

Hahnemann schreibt dort: „ Man hatte sich bisher blos der Samen, gewöhnlich als Samenmilch oder als Absud im entzündlichen Zustande der Tripper und in älteren Zeiten bei einigen Arten von Gelbsucht mit Nutzen bedient. Dieses Kraut selbst bediente man sich nur als Hausmittel, doch sehr hülfreich in den persischen Wirtshäusern auf dem Lande, um die Ermüdung der zu Fuße Reisenden zu heben.

Aber zu weit wichtigeren Heilabsichten in verschiedenen Krankheiten der Zeugungstheile, der Brust, der Sinnesorgane als homöopathische Arznei.“ (3)

Die Arzneimittelprüfung von Cannabis indica stammen von Allen, T.F.: Encyclop. Mit 45 Literaturangaben zu Cannabis indica.

Dort wird im Bezug auf die homöopathische Wirkung die geistige und psychische Wirkung der Arznei hervorgehoben.

Die Herstellung von Cannabis indica L. ist für die Hersteller homöopathischer Arzneien ein großes Problem. Der Ausgangsstoff fällt unter das Betäubungsmittelgesetz. Ferner sind Zubereitungen aus Cannabis indica verschreibungspflichtig . Eine Verschreibung von Cannabis indica Zubereitungen fällt unter das Betäubungsmittelgesetz. Nur Ärzte dürften diese Arzneien verordnen. Es gibt bei den homöopathischen Zubereitungen aus Cannabis indica keine Ausnahmeregelung wie z.B. beim Opium. Opium ist ab einer Endkonzentration von D6 nur noch apothekenpflichtig. Die Zubereitungen aus Papaver somniferum (Stammpflanze von Opium) ist bereits ab D4 apothekenpflichtig. Diese Ausnahmeregelung existiert nicht bei Cannabis indica Zubereitungen. Aus diesem Gründen werden die homöopathischen Arzneien die aus Cannabis indica hergestellt werden kaum verordnet und somit auch nicht hergestellt.

Grundsätzlich fallen alle Pflanzen, die zur Gattung Cannabis gehören und auch die Inhaltsstoffe dieser Pflanzen unter die Anlage 1 (nicht verkehrsfähig und nicht verschreibungsfähig) des Betäubungsmittelgesetzes und stehen somit nicht für die Herstellung von homöopathischen Arzneien zur Verfügung. Von diesem strikten Verbot gibt es eine Ausnahmeregelung für die Samen der Cannabis Pflanzen, sofern er nicht zum unerlaubten Anbau bestimmt ist.

Susann Buchheim Schmidt macht in Ihrem Artikel „Drogen in der Homöopathie“ darauf aufmerksam, dass einige Hersteller homöopathischer Arzneien diese Ausnahmeregelung nutzen und homöopathische Arzneien aus den Samen dieser Pflanzen herstellen. (4)

Aufgrund der genannten Erklärung ist das Cannabis sativa, das innerhalb dieses Artikels als fast gleichwertig bei seinen Indikationen ist, als LM-Potenz verfügbar. Die Homöopathen in Deutschland können seit einiger Zeit auf Cannabis sativa als LM-Potenz zurückgreifen. Diese Arznei ist aus der Stammpflanze Cannabis sativa L. hergestellt worden und entspricht der Stammpflanze die auch schon Samuel Hahnemann in der Arzneimittellehre beschreibt.

Cannabis sativa (5) Cannabis indica (6)
Kopf: Schwindel, Gefühl tropfendes Wasser Kopf: Gefühl wie offen, unwillkürliches Kopfschütteln
Gemüt: Depression, gleichgültig, Heiter wie vom Rausche, Gemüt ängstlich, schreckhaft, Gemüt wechselhaft Gemüt: Redelust, Überschwänglich, Depression, sehr vergesslich, Ängstlichkeit, Stimmungsschwankungen
Augen: Hornhauttrübung, Katarakt durch nervöse Störungen, Druck Augenhintergrund Auge: Buchstaben laufen zusammen beim lesen
Harnwege: Drang schmerzhaft. Miktion mit gespaltenem Harn. Stiche Harnröhre. Brennen beim Wasserlassen. Sexuelle Übererregung Harnwege: Harn schleimig. Muss pressen. Tröpfeln. Stiche und Brennen im Harnleiter
Weibliche Geschlechtsteile: Amenorrhoe bei Überbeanspruchung der physischen Kräfte Weibliche Geschlechtsteile: Menses reichlich, dunkel, schmerzhaft, ohne Klumpen.
Atemwege: Atembeklemmung und Herzstolpern, muss aufstehen. Gewicht auf der Brust Atemwege: Feuchtes Asthma, Brustbeklemmung mit tiefem, mühsamen Atmen
Herz: Gefühl als ob Tropfen vom Herzen fallen. Schmerzhafte Schläge Herz: Herzklopfen weckt ihn auf. Puls sehr langsam. Schmerz mit starker Beklemmung
Schlaf: schreckliche Träume. Müde tagsüber Schlaf: Sehr schläfrig, aber unfähig zu schlafen. Träumt von Leichen
Modalitäten: Verschlechterung beim Hinlegen und Steigen Modalitäten: Verschlechterung beim Liegen auf der rechten Seite, morgens, Kaffee, Likör

Beim Vergleich der beiden Arzneien fällt auf, dass die Gemütssymptome sehr ähnlich zueinander sind, sodass man durchaus Cannabis sativa anstelle von Cannabis indica einsetzen kann. Interessanterweise ist das Arzneimittel Cannabis sativa auf der körperlichen Ebene vielversprechend bei Erkrankungen der Augen, der Atemwege und des Urogenitaltraktes. Diese Wirkung scheint etwas in Vergessenheit geraten zu sein. Es wäre interessant Cannabis sativa bei den Fällen einzusetzen, wo wir eine Blasenentzündung, Asthma oder eine Hornhauttrübung vor uns haben. Ferner wäre der Einsatz von Cannabis sativa interessant bei Patienten die lange Zeit Cannabis indica als Rauschmittel missbraucht haben.

Fallbeispiel aus der Literatur von Dr.med Otto Eichelberger

„Ein 60jähriger, der seit Jahren an periodischem Asthma litt und durch allopathische Medikamente keine Erleichterung mehr finden konnte, erhielt, da er es endlich mit der Homöopathie versuchen wollte, nach und nach mehrere Mittel, so Nux vomica, Arsenicum, Sulfur, Kalium carbonicum, Sepia, die alle das Übel etwas linderten, aber seine Wiederkehr nicht mehr verhüten konnten.

Endlich schickte ich ihm, da er soeben einen höchst gefährlichen Paroxysmus (Asthmaanfall, Status asthmaticus) erlitten hatte, mehrere Dosen einer Arznei in der C30 und diese wirkten so vorteilshaft, dass der Mann sich darauf wohler als je befand. 1 Bei den Anfällen musste der Patient mit etwas vorgebeugtem Oberkörper am offenen Fenster sitzen, um nicht zu ersticken.

Dieses letzte Verhalten war das einzige Symptom überhaupt, das man in diesem Fall mit Interesse zur Kenntnis nehmen konnte. Dabei ist zu bedenken, dass das Sitzen am offenen Fenster nicht wie selbstverständlich die übliche Reaktion auf Asthmazustände sein muss. Bekanntlich scheuen sich eine ganze Anzahl von diesen Kranken, an die frische Luft oder an das geöffnete Fenster zu gehen. Anmerkung: ich habe bei der russischen Bevölkerung im 2. Weltkrieg Asthmatiker erlebt, die sich am liebsten auf ihren wohltemperierten riesigen Öfen aufhielten“. (7)

Die wichtigste Rubrik ist in diesem Fall ist: Atmung-Atemnot, Dyspnoe, erschwertes Atmen-offene Fenster- besser

Cannabis sativa ist neben Chelidonium zweiwertig in dieser Rubrik verzeichnet. Cannabis sativa brachte eine gute Wirkung. Es wurde letztlich nur über das Symptom „ muss am offenen Fenster sitzen“ ausspioniert. Trotz aller vorangegangener Heilversuche war keineswegs eine ausgezeichnete Fallanamnese erarbeitet worden. Der Trick mit dem offenen Fenster gelang im Grunde nur zufällig. Wir wissen vom Hanf, dass er besonders die Harn- Sexual- und Atemorgane beeinflussen kann. Der Hanf hat zum Beispiel eine gonorrhoische Absonderung im Fettdruck im Kent; dazu gesellt sich auch ein schleimiges und milchiges Harnröhrensekret. In manchen anderen Abteilungen noch im Genitalbereich spielt Cannabis sativa keineswegs unauffällig mit. Wahrscheinlich hätte man unter solchen Gesichtspunkten bei den älteren Patienten noch einige Entdeckungen machen können, welche diese Arznei als Simile „mit linker Hand“ bestätigt hätten!

Ein sehr interessanter Fall aus der älteren Literatur. Dr. med Eichelberger merkt auch an, dass die Arznei einen interessanten Bezug zum Urogenitaltrakt hat. Wahrscheinlich ist der Hanf aufgrund von Cantharis und anderen moderneren homöopathischen Arzneien etwas in Vergessenheit geraten.

Literaturverzeichnis

1. Oberdorfer, Erick. Pflanzensoziologische Exkursionsflora für Deutschland und angrenzende Gebiete. Stuttgart : Eugen Ulmer, 2001.
2. Mutschler, Prof.Dr.med. Dr.rer.nat. Ernst, Geisslinger, Gerd Prof.Dr.med. Dr.rer.nat. und Schäfer-Korting, Prof. Dr. phil.nat. Monika. Mutschler Arzneimittelwirkungen. Lehrbuch der Pharmakologie und Toxikologie. Stuttgart : Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft mbH, 2001.
3. Hahnemann, Dr.med. Christian Samuel. Reine Arzneimittellehre. [Hrsg.] Christian Lucae und Matthias Wischner. Heidelberg : Karl F. Haug Verlag, 1830. S. 139-159. Bd. 1.
4. Buchheim-Schmidt, Susann. „Drogen“ in der Homöopathie. Naturheilpraxis. Februar 2016, 2/2016.
5. Boericke, M.D., A.B. Oscar. Pocket Manual of Homoeopathic Materia medica. [Hrsg.] M. Harms.[Übers.] M. Harms. San Franzisko : Boericke & Runyon, Boericke & Tafel, INC. Philadelphia, Pa., 1927. S. 141-142.
6. Boericke, M.D., A.B. Oscar. E. Poket Manual of Homoeopathic Materia medica. [Hrsg.] M. Harms. [Übers.] M. Harms. 3. verbesserte Auflage 1986. San Franzisko : Boericke & Runyon, Boericke & Tafel, Inc. Philadelphia, Pa., 1927. S. 140-141.
7. Eichelberger, Dr.med. Otto. Klassische Homöopathie. 5. Heidelberg : Karl F. Haug Verlag, Hüting GmbH, 1998. S. 702-704. Bd. 4. Homöopathie und Anthroposophie.
8. Archibel. Radar 10.

Autor:

Jg. 1976; Studium der Pharmazie und Chemie an der WWU Münster. Abschluss: Staatsexamen. Approbation zum Apotheker 2007. Es erfolgten Weiterbildungen in den Bereichen: Naturheilkunde und Homöopathie, integrative Versorgung, klassische Homöopathie. 2013 Praktikum am Pareek Hospital in Agra (Indien) mit dem Schwerpunkt: Krebsbehandlung und Homöopathie. Seit 2011 Dozent für klassische Homöopathie in Deutschland, Schweiz, Italien, Armenien und Indien. Publikationen: Die homöopathische Arznei zwischen Mythos und Realität. Die Herstellung der LM-Potenzen im geschichtlichen und gesetzlichen Kontext. Seit Februar 2014 Ausbildung zum Heilpraktiker an der Deutschen Paracelsus Schule Dortmund.